Italienisch? Deutsch? Legal? Illegal?

Eine große Kunst im Naming ist ja, etwas so anzudeuten, dass es wahrgenommen werden kann, ohne rechtliche Schwierigkeiten zu bekommen. Dass es zwar wahrnehmbar, aber eben nicht so falsch oder irreführend ist, als dass es unzulässig wäre. Das perfekte Spielfeld hierfür ist Italienischheit, also das Schaffen einer italienischen Stimmung, ohne gleich zu behaupten, etwas sei Made in Italy.

Wir wissen es alle – italienisches Essen ist entweder super oder das Beste der Welt, da gibt es keine Diskussionen in Deutschland. Was liegt da näher, als Lebensmittel möglichst italienisch wirkend zu bezeichnen, auch wenn sie in Deutschland von einem deutschen Unternehmen hergestellt werden? Das klingt doch aussichtsreich und verführerisch. Für die Namensfindung gibt es grob 4 Pfade und Grade der Italienischheit:

1. Den geschützten italienischen Begriff, so etwas wie Parmigiano Reggiano
2. Einen generischen italienischen Begriff, so wie Mozzarella
3. Einen an ein italienisches Wort angelehnten, erfundenen Begriff
4. Einen definitiv nicht italienischen Begriff, so was wie Hüttenkäse

1. Der geschützte italienische Begriff

Fall 1 ist einfach zu behandeln. Wenn eine deutsche Molkerei einen Hartkäse herstellt, kann sie diesen nicht als Parmigiano oder Pecorino verkaufen. Das sind geographisch geschützte Bezeichnungen. Wer das macht, bekommt ein handfestes Problem – auch mit der deutschen Übersetzung Parmesan 😉

Beim Weichkäse mit dem Paradebeispiel Gorgonzola D.O.P. ist es nicht anders.

Packung Gorgonzola D.O.P.
Packung Gorgonzola D.O.P.     © Werner Brandl

2. Ein generischer italienischer Begriff

Fall 2 ist schon schwieriger. Wenn eine deutsche Molkerei einen „Formaggio Duro“ herstellt, ist das illegal? Der Verein Italian Sounding, der genau solche Fälle verfolgt, wäre sicher der Meinung, dass das nicht in Ordnung ist, und er hat auch schon etliche Einstellungen und Produktveränderungen bewirkt. Die interessante Frage ist letztlich, ob der Verbraucher getäuscht wird und er beim Erwerb glaubt, etwas echt Italienisches zu erhalten, dies aber eben nicht tut. Andererseits kennen wir alle den Mozzarella im Kühlregal, der von Bayernland oder Zott produziert wird. Der Begriff ist nicht geschützt, aber der Name signalisiert natürlich genau das, was er soll: italienische Delikatesse (und zumindest Rezeptur). Dieser hier zum Beispiel stammt vom Milchwerk Jäger aus Haag in Oberbayern, auch wenn er unter Nettos Italienmarke Mondo Italiano verkauft wird:

Deutscher Mozzarella von Mondo Italiano
Deutscher Mozzarella von Mondo Italiano    © Werner Brandl

Spannend ist noch ein Anwendungsfall: Wenn Iglo ein Fertiggericht „Gnocchi mit Blattspinat in feiner Gorgonzola-Sauce“ nennt, wieso geht das? Es ist in Ordnung, weil es nicht einen Käse bezeichnet, sondern ein typisches Gericht mit eben diesem besonderen Käse. Was definitiv nicht geht: eine Pasta Gorgonzola ohne echten Gorgonzola. Um im Gerichtnamen den Gorgonzola ausloben zu können, ist eine Mindestmenge an Gorgonzola notwendig. Wer die kennt, möge sich bitte melden. Bei Iglo sind laut Packung 1,6% Gorgonzola enthalten, was weniger ist als der enthaltene Gouda mit 1,9%. Kurios, aber offensichtlich möglich. Ist wohl ähnlich wie bei den Säften, wo eine geschmacksgebende Komponente den Volumenanteil in der Nennung auf die Plätze verweist…

3. Das aktive Erinnern an Italien

Fall 3 ist auch knifflig, denn hier kommt es noch mehr auf das Zusammenspiel aller kommunikativen Maßnahmen an: Naming, Design, mehr oder weniger subtile Verweise auf Italien.

Stellen Sie sich vor, Sie träfen auf einen Hartkäse, der im Aussehen an einen Parmesan erinnert, dessen Geschmack als italienisch beworben wird, und der auf den Namen RIGATELLO hört.

Hartkäse Rigatello von Bayernland mit Serviervorschlag
Bayernland Hartkäse Rigatello      © Bayernland eG

Klingt italienisch? Definitiv, kommt aber aus Amberg von Bayernland und ist einfach nah an die Grenzen des Machbaren konstruiert. Ähnelt dem Mozzarella aus der italienischen Welt.

Hier sieht man auch wunderbar, wie die verschiedenen Markenebenen zusammenspielen. Beim Rigatello ist ja die Dachmarke Bayernland, und die Produktmarke Rigatello mit der beschreibenden Bezeichnung „Hartkäse“. Sowohl Dach- wie Produktmarke können offensichtlich Italienischheit vermitteln.

Ein letztes schönes Beispiel ist Gustavo Gusto. Eine deutsche Pizzamarke, die in Bayern und Thüringen hergestellt wird. Der Name suggeriert natürlich eindeutig Italien. Nicht Spanien, nicht Tschechien, nicht Deutschland, sondern klar erkennbares Italien. Ruft man bei Gustavo Gusto an, wird man von der Telefonstimme mit einem stimmungsvollen Ciao begrüßt. Das Produkt Pizza erinnert auch stark an Italien. Warum das geht? Die Erklärung ist recht einfach und einleuchtend. Alles wirkt italienisch, aber es ist gleichzeitig für den Verbraucher noch leicht erfassbar, dass es eben kein italienisches Produkt ist. Somit wird er nicht getäuscht.

4. Definitiv nicht italienisch

Natürlich gibt es noch ganz viele Schattierungen: italienisch wirkende Nudeln mit deutschem Namen, klassische Kekse mit italienischen Namensanklängen usw. usf. Doch schließen wir Pfad 4 ab.

Dies ist der einfachste Pfad. Hat mit Italien in keiner Form was zu tun. Hier kann praktisch nix verwechselt werden. Ein einleuchtendes Beispiel ist der Klassiker Speisequark. Echt unitalienisch. Hier denkt wohl niemand an Italien oder Italienisch:

Packung BioBio Speisequark Magerstufe
BioBio Speisequark      © Werner Brandl

Fazit

Nüchtern: Italienisch ist vermutlich die reizvollste und effizienteste Spendersprache für kulinarische Namen und Bezeichnungen in Deutschland. Der Grenzgang in dieser Region kann sehr lohnend sein, aber ein bisschen Vorsicht ist nicht verkehrt.

Ein weiteres spannendes Beispiel zu dieser Thematik ist die Herkunft von Jersey-Käse, und ebenfalls interessant, die Benennung von Restaurants, gerade mit fremdländischen Küchentraditionen.

Das schönste und lustigste Beispiel gibt es natürlich beim Postillon mit dem Caffè Filtrino.

 

Woher kommt Jersey-Käse?

Käse von der Insel Jersey?

Der erste Reflex auf den Käsenamen Jersey bzw. die Käsemarke Jersey ist klar, das muss ein Käse von der Insel Jersey sein, was sonst? Es ist eine freundliche, aber leicht skeptisch schauende Kuh drauf, er hat eine durchaus gelbliche Farbe. Klare Sache: eindeutig Cheddar.

Wenn man nun nicht nur das Bild anschaut, sondern auch liest, so stellt sich das etwas anders dar. Der groß geschriebene Untertitel besagt klar „Hollands Bester“. Das bedeutet holländische Provenienz. „Woher kommt Jersey-Käse?“ weiterlesen

Wieso es zwei Mal Netto für das Gleiche in Deutschland gibt

Sie kennen sicher Aldi Süd und Aldi Nord. Wenn man mal über die Grenzen kommt, wundert man sich, warum das Logo nicht mehr stimmt, und warum der Kaffee auf einmal Markus oder eben Amaroy heißt. Der Hintergrund ist bekannt, es ist die Aufteilung eines Imperiums auf verschiedene Besitzer. Wobei insbesondere die Aufteilung des deutschen Marktes große Effizienzgewinne bei ihrer Auflösung ermöglichen wird. Aber hier geht es nicht um Aldi, es geht um Netto. Den Netto gibt es auch zweimal in Deutschland, aber ohne Nord und ohne Süd. Dafür einmal mit Kastenhund (Scottish Terrier), endemisch im Norden. Und einmal ohne das memorable Tier, dafür mit schreienden Kindern, endemisch im Süden.

Es gibt also Nettomärkte, die so aussehen: „Wieso es zwei Mal Netto für das Gleiche in Deutschland gibt“ weiterlesen

Exkursion: Marken in Aserbaidschan

Je fremder das Land, desto spannender die Namen. Heute in der Reihe „exotische Märkte“ ein paar Souvenirs aus Aserbaidschan. Dort gibt es viele verschiedene Marken und westliche Marken wie Boss oder Lacoste sind präsent, auch wenn teilweise schwer zu unterscheiden ist, welche Läden und welche Ware nun „echt“ sind und welche nicht. In einem Land, in dem jeder eine The-North-Face-Jacke trägt, deren Originalgegenwert „Exkursion: Marken in Aserbaidschan“ weiterlesen

Ländermenschenprodukte: Der Russ, der Amerikaner, der Filipino

Ideen für Namen – so viele sprudelnde Quellen

Der eigene Nachname? Das Lieblingssternzeichen? Ein griechischer Gott? Der Vorname der eigenen Tochter? Dies sind nur vier von unzähligen Möglichkeiten, einen Namen für ein neues Produkt oder Unternehmen zu finden. Ein etwas randständigeres Prinzip – sicher nicht in den Top 10 der Namensmuster – schauen wir uns heute hier an. Man begegnet ihm ab und zu, und wundert sich dabei, welche Hintergründe es hat. Worum es geht? Länderzugehörigkeitsnamen. Also so was wie „Engländer“, „Amerikaner“ oder im Bayrischen „Russ“ „Ländermenschenprodukte: Der Russ, der Amerikaner, der Filipino“ weiterlesen

NEUER NAME linexo – Bewusst anders unterwegs

linexo by WERTGARANTIE – frisch von der Eurobike 2024

Ein neuer Name – Launch am 3.7.2024! Letztes Jahr gemacht, dieses Jahr herausgebracht. Gut ein Jahr nach Projektende ist es so weit: WERTGARANTIE launcht seine Produkte und Services rund um aktive Mobilität mit Fahrrad und E-Bike unter einer neuen Marke auf der Eurobike in Frankfurt. Der Name, der bewusst anders ist als die marktüblichen Ansätze: „NEUER NAME linexo – Bewusst anders unterwegs“ weiterlesen

Woher kommen diese Namen? Quiz zu Markennamen

Mutmaßung und Wirklichkeit: Jenseits von Haribo und Persil

Es gab ja großen Rummel um das neue Modell von Alfa Romeo, das Milano heißen sollte, und nach einem Einspruch des Ministers für Italienischheit in Junior umbenannt wurde. Was hätte er wohl zu einem Borgward aus China oder einem Ford Capri aus Köln gesagt? Die Geschichte ist natürlich absurd, und besser wird sich der Alfa, produziert in Polen, mit nun komplett unzuordenbarem Namen sicher nicht verkaufen.

Interessant an der Diskussion ist aber, dass der Name natürlich Rückschlüsse auf die Herkunft eines Produktes oder Unternehmens ermöglicht und so als Marketing-Tool genutzt werden kann. „Woher kommen diese Namen? Quiz zu Markennamen“ weiterlesen

Namensrückblick: Glotzer, Buldak, Damien Hirst …

Heute einfach mal ein Rückblick auf spannende Namensentdeckungen der letzten Monate. Eigentlich hätten in der Zwischenzeit ein paar neue Namen enthüllt werden sollen, aber alles verzögert sich. Deshalb einfach was zum Spaß.
5 Namen, die ich interessant genug finde, um darüber zu schreiben.

Nr. 1: Glotzer

Wer Kinder hat, kennt sie. Sie sind unvermeidlich, vermutlich sogar an der Waldorfschule: Die Glotzer. Cooler Klang, klare Aussage. Geht bei jedem (zumindest wenn man gut Deutsch versteht) sofort nicht nur ins Hirn, sondern ins Herz. „Namensrückblick: Glotzer, Buldak, Damien Hirst …“ weiterlesen

Sacherwürstel mit Oxxenkracherl – auf Naming-Exkursion in Wien

Manches heißt in Österreich anders: das Halsgrat heißt Schopf, statt Zitronenlimo gibt es Soda Zitron, die Wiener ist eine Frankfurter. Und kommt man nach Wien, dann öffnet sich das Tor der Sensationen noch viel weiter.

Das Sacher

Beim Sacher, wo die Schlange draußen auf einen Platz drinnen wirklich lang ist, da gibt’s natürlich die weltberühmt-berüchtigte Sachertorte. Da sie so trocken ist, wird sie mit einem großen Ball Schlagsahne serviert. Aber dort gibt es noch etwas anderes, „Sacherwürstel mit Oxxenkracherl – auf Naming-Exkursion in Wien“ weiterlesen