Naming von und für China – Neue Perspektiven

Von der Werkbank zur Weltmarke: Wie sich chinesisches Branding verändert

Die letzten 20 Jahre hat sich China unfassbar stark verändert. Ein Stück weit auch unsere Auffassung von China. Das nominale BIP ist von ca. 2 Bio. USD 2004 auf knapp 19 Bio. USD heute gestiegen. Die Marktanteile bei Smartphones und E-Autos sind explodiert. Aus einem rückständigen Markt, der lange als Werkbank und freundlich aufnehmender Exportmarkt diente, haben sich weltweit führende Positionen mit eigenen Produkten entwickelt. Die Welt hat sich verändert, und die chinesische Welt noch stärker. Über die Entwicklung des Brandings für den Vertrieb in China und den Export aus China ließen sich ganze Bücher schreiben. Hier ein paar aktuelle Beobachtungen dazu, die mir aufgefallen sind.

Zwei Perspektiven sind entscheidend

Der erste Blickwinkel ist chinaintern: Wie hat sich die Namensgebung in China in den letzten 20 Jahren verändert? Dazu gehört auch, wie sich das Branding ausländischer Marken bei ihrer Expansion nach China verändert hat. Erinnert sei an die chinesischen Doppelgängermarken die eingeführt wurden, etwa das kostbare Pferd für BMW: Der offizielle chinesische Markenname 宝马 (Bǎomǎ) bedeutet wörtlich „kostbares Pferd“ und wurde phonetisch an BMW angelehnt.

Chinesische Transliteration des Markennamens BMW

Der zweite Blickwinkel betrifft uns in Europa direkter und ist mir deshalb auch zugänglicher: Wie hat sich die Namensgebung chinesischer Marken für den Weltmarkt verändert? Europa ist ein winziger und absurd zersplitterter Markt im Vergleich zu China, und chinesische Unternehmen entwickeln Marken für den internationalen Markt. Am effizientesten könnte letztlich die einfache Formel sein: „One Size fits All“. Zumindest für Nicht-China.

Wo stehen wir, was hat sich entwickelt?

Das chinesische Branding hat sich in zweierlei Hinsicht entwickelt: Zum einen ist das Selbstbewusstsein gewachsen, chinesisch zu sein, chinesisch aufzutreten und sogar chinesisch zu klingen. Zum anderen führt ein starker globaler, vor allem amerikanischer, sprachlicher Einfluss dazu, dass chinesische Namen anglophiler werden, man denke nur an Marken wie Luckin Coffee oder Geely.

Eine besonders vielversprechende und mittlerweile fast schon Standard-Strategie sei gleich vorweg erwähnt: getrennte Marken für getrennte Märkte. Eine chinesische, für den lokalen Markt, z.B. Douyin (chinesisch: 抖音). Wenn Sie denken, kenne ich nicht, ja, stimmt. Aber die Exportmarke für den Rest der Welt kennen Sie definitiv: TikTok. Bei der Größe der jeweiligen Märkte und angesichts der politischen Entwicklungen der letzten Jahre leuchtet das ein. Das Erfüllen unterschiedlicher technischer Anforderungen bei Technik und IT in verschiedenen Märkten ist dabei eher zweitrangig fürs Branding, geht aber z.B. bei TikTok tatsächlich damit Hand in Hand.

China-Marke vs. Export-Marke

Unser Musterfeld: Die Automarken

Ein besonders anschauliches Feld ist die Automobilindustrie, mit Blick auf die Exportstrategien nach Deutschland und Europa. Die USA lassen wir außen vor – dort sind chinesische Autos (schon seit Joe Biden) ja nicht willkommen.

Früher wurden insolvente europäische Marken wie MG, Rover, Volvo, Lotus und sogar historische Relikte wie Borgward von chinesischen Konzernen aufgekauft oder lizenziert, mit unterschiedlichem Erfolg:

  • MG ist eine Marke des Herstellers SAIC Motor bzw. früher Nanjing. Die dazugehörigen Marken in China sind Baojun und Roewe (der selber wieder eine lustige Geschichte hat, ist er doch letztlich eine Abwandlung des Markennamens Rover).
  • Volvo gehört jetzt zu Geely, dem Konzern, dem auch Lotus, Polestar und die Premium-Elektromarke Zeekr gehören.
  • Borgward lief eher schlecht: 2015 vom Lkw-Hersteller Beiqi Foton (Teil der BAIC-Gruppe) wiederbelebt, meldete die Marke 2022 in Peking endgültig Insolvenz an.

Heute herrscht spürbar mehr Selbstvertrauen. Marken wie Xpeng und Changan, die für mich recht chinesisch klingen, drängen unter ihren eigenen, angestammten Namen auf den deutschen Markt. Sie benennen sich nicht extra um. Sie kreieren keinen wilden, westlich wirkenden Markennamen. Auch kaufen sie keine Marken der Kategorie Zündapp oder NSU, um irgendwie Deutsch zu wirken. So etwas ist offensichtlich nicht mehr nötig. Und es leuchtet noch mehr ein, wenn sich z.B. VW von chinesischen Firmen seine neuen Modelle bauen lässt. Es hat sich definitiv etwas verschoben.

Andere chinesische Marken haben gleich westlich klingende Namen wie Ora, Wey, Denza und Zeekr (übrigens wieder eine Marke von Geely …) gewählt. Sie treten im Heimatmarkt wie auf den Exportmärkten unter denselben internationalen Namen auf. Ein Indiz dafür, dass Englisch und romanische Sprachklänge offenbar als wertvollere „Spendersprachen“ gelten als etwa Deutsch (tschüss wilde Verschmelznamen à la Roewe). Siehe hierzu auch das Prinzip italienisch klingender Lebensmittelmarken von deutschen Herstellern, nur eben mit umgekehrten Vorzeichen.

Die Modellnamen sind typischerweise englisch, sei es Deepal (was auch immer das sein soll) von Changan, der Seal von BYD oder der ORA Cat. Andere Anbieter halten den Ball flacher, wie Xpeng mit dem G9, G6 und P7+. Alphanumerisch ist natürlich immer eine elegante internationale Option für Modelldifferenzierung.

Da gibt es doch Parallelen! Korea, Japan …

Die Entwicklung erinnert an die japanische Welle der 60er- und 70er-Jahre, als Unternehmen ihre japanisch klingenden Markennamen wie Toyota, Nissan und Subaru selbstbewusst beibehielten. Gleichzeitig gab es Fälle wie Datsun oder – branchenfremd – Sony, deren Namen bewusst anschlussfähig klingen sollten. Im Korea der 80er und 90er lief es ganz ähnlich, mit Namen wie Lucky Goldstar, Goldstar oder, dann eben ganz verrückt, Hyundai. Das heutige Pendant dazu ist wohl Xiaomi: selbstbewusst, und längst nicht mehr nur bei Smartphones.

Gewaltiges Tempo

Der rote Faden durch alle drei Wellen – Japan, Korea, heute China – ist derselbe: Je mehr Selbstvertrauen der exportierende Markt gewinnt, desto seltener braucht er den Umweg über zugekaufte oder verfremdete westliche Namen. Der eigene Klang und die eigene Herkunft wird selbst zum Statement. Was bei Toyota und Hyundai längst Normalität ist, wiederholt sich gerade bei Xpeng, Changan und Xiaomi – nur in deutlich höherem Tempo.

Italienisch? Deutsch? Legal? Illegal?

Eine große Kunst im Naming ist ja, etwas so anzudeuten, dass es wahrgenommen werden kann, ohne rechtliche Schwierigkeiten zu bekommen. Dass es zwar wahrnehmbar, aber eben nicht so falsch oder irreführend ist, als dass es unzulässig wäre. Das perfekte Spielfeld hierfür ist Italienischheit, also das Schaffen einer italienischen Stimmung, ohne gleich zu behaupten, etwas sei Made in Italy.

Wir wissen es alle – italienisches Essen ist entweder super oder das Beste der Welt, da gibt es keine Diskussionen in Deutschland. Was liegt da näher, als Lebensmittel möglichst italienisch wirkend zu bezeichnen, auch wenn sie in Deutschland von einem deutschen Unternehmen hergestellt werden? Das klingt doch aussichtsreich und verführerisch. Für die Namensfindung gibt es grob 4 Pfade und Grade der Italienischheit: „Italienisch? Deutsch? Legal? Illegal?“ weiterlesen

Qualitätssiegel: Wie sich das Reinheitsgebot von FRoSTA langsam durchgesetzt hat

Mit Sprache Gedanken lenken und die Marke gestalten

Das ist die Idee von Verbal Branding. Ein schönes Beispiel ist das Strohschwein. Eine besonders gelungene sprachliche Lösung in Kombination mit der Wirklichkeit ist das Reinheitsgebot von FRoSTA. Wenn Sie es noch nicht kännten, was würden Sie sich vorstellen? Wohl auf jeden Fall etwas Sauberes, Reines. Letztlich ist der Begriff vom Bier bekannt und vertraut. Drogen sollten sauber sein, das war schon früher so. Das ist sicher besser als gepanscht, gestreckt oder verunreinigt. „Qualitätssiegel: Wie sich das Reinheitsgebot von FRoSTA langsam durchgesetzt hat“ weiterlesen

Woher kommt Jersey-Käse?

Käse von der Insel Jersey?

Der erste Reflex auf den Käsenamen Jersey bzw. die Käsemarke Jersey ist klar, das muss ein Käse von der Insel Jersey sein, was sonst? Es ist eine freundliche, aber leicht skeptisch schauende Kuh drauf, er hat eine durchaus gelbliche Farbe. Klare Sache: eindeutig Cheddar.

Wenn man nun nicht nur das Bild anschaut, sondern auch liest, so stellt sich das etwas anders dar. Der groß geschriebene Untertitel besagt klar „Hollands Bester“. Das bedeutet holländische Provenienz. „Woher kommt Jersey-Käse?“ weiterlesen

Wieso es zwei Mal Netto für das Gleiche in Deutschland gibt

Sie kennen sicher Aldi Süd und Aldi Nord. Wenn man mal über die Grenzen kommt, wundert man sich, warum das Logo nicht mehr stimmt, und warum der Kaffee auf einmal Markus oder eben Amaroy heißt. Der Hintergrund ist bekannt, es ist die Aufteilung eines Imperiums auf verschiedene Besitzer. Wobei insbesondere die Aufteilung des deutschen Marktes große Effizienzgewinne bei ihrer Auflösung ermöglichen wird. Aber hier geht es nicht um Aldi, es geht um Netto. Den Netto gibt es auch zweimal in Deutschland, aber ohne Nord und ohne Süd. Dafür einmal mit Kastenhund (Scottish Terrier), endemisch im Norden. Und einmal ohne das memorable Tier, dafür mit schreienden Kindern, endemisch im Süden.

Es gibt also Nettomärkte, die so aussehen: „Wieso es zwei Mal Netto für das Gleiche in Deutschland gibt“ weiterlesen

Lebenshilfe Lokalnamen – Tipps für Restaurantnamen

Heute mal was aus der Rubrik „Praktische Lebenshilfe“.

Stellen Sie sich vor, sie möchten ein Restaurant eröffnen. Sie sehen die besten Chancen für Indisch, Italienisch und Chinesisch – und jetzt brauchen Sie einen Namen. Aber natürlich nicht Wirtshaus zum goldenen Anker oder Altöttinger Stuben, sondern etwas Landestypisches. Etwas, wo man ins Träumen kommt, wo sich wunderbare, ferne Welten auftun. Also so was wie Roma oder Bombay Palace. Oder natürlich Shanghai: „Lebenshilfe Lokalnamen – Tipps für Restaurantnamen“ weiterlesen

Ein neuer Name für die Bundeswehr

Manchmal muss man einfach umbenennen. Das ist ein hoher Aufwand, und es ist definitiv nicht das, was man jeden Tag machen mag, aber es kann tatsächlich notwendig sein. Dann muss man einen neuen, einen besseren Namen finden, der für das Veränderte oder das angestrebte Neue passt. Schauen wir uns so eine Situation mal exemplarisch an. Unser Exempel soll etwas sein, das jeder kennt, und zu dem jeder eine Meinung hat. Es ist die Bundeswehr:

Bundeswehr „Ein neuer Name für die Bundeswehr“ weiterlesen

Testo Instruments: Einfach ein passender Name

Manchmal braucht es keinen komplizierten oder spektakulären Namen – manchmal ist die beste Wahl ein ganz einfacher und klarer Name. Genau das trifft auf „Instruments“ zu, die neue Bezeichnung für die wichtigste Division des Messtechnik-Unternehmens Testo. Ein Name, der genau das ausdrückt, was er soll – und das ohne Erklärungsbedarf.

Eine klare Struktur für Testo

Der Namenszusatz „Instruments“ wird künftig das klassische Hauptgeschäft des Unternehmens bezeichnen. Die Division ist verantwortlich für messtechnische Geräte und Lösungen für unterschiedlichste Branchen. Zudem schafft dieser Zusatz Orientierung im Unternehmen – nach innen wie nach außen. Mit „Instruments“ ergänzt Testo seine bestehenden vier Divisionen „Testo Instruments: Einfach ein passender Name“ weiterlesen

Knorr-Bremse Data2Action: Mehrwert für Kunden

Data2Action: Mit neuem Namen in die smarte Zukunft von Knorr-Bremse

Daten sind großartig – aber nur, wenn auch etwas mit ihnen anzufangen ist. Genau darum geht es beim neuen Programmnamen Data2Action, den ich für das Unternehmen Knorr-Bremse, dem Weltmarktführer für Bremssysteme in Schienenfahrzeugen, entwickelt habe. Data2Action ist ein gutes Beispiel dafür, dass Namen besonders effektiv sind, wenn sie einfach gestaltet sind und den Produktnutzen sofort deutlich machen. Klassische Markenkriterien wie Eintragbarkeit als Wortmarke können dann in den Hintergrund treten. „Knorr-Bremse Data2Action: Mehrwert für Kunden“ weiterlesen

Exkursion: Marken in Aserbaidschan

Je fremder das Land, desto spannender die Namen. Heute in der Reihe „exotische Märkte“ ein paar Souvenirs aus Aserbaidschan. Dort gibt es viele verschiedene Marken und westliche Marken wie Boss oder Lacoste sind präsent, auch wenn teilweise schwer zu unterscheiden ist, welche Läden und welche Ware nun „echt“ sind und welche nicht. In einem Land, in dem jeder eine The-North-Face-Jacke trägt, deren Originalgegenwert „Exkursion: Marken in Aserbaidschan“ weiterlesen