Berater vs. Verkäufer in der Bank – welcher Titel ist wahr?

Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass die Banken veröffentlichen müssen, welche Provisionen beim Verkauf von Produkten fließen. Bei der Beratung zu Produkten fließt ja kaum eine Provision, dennoch heißen die Bankmitarbeiter, die z.B. Investmentfonds verkaufen, nicht Verkäufer, sondern tragen den Titel „Berater“. Vertreter der Verbraucherzentralen, wie Herr Nauhauser am 24.07.2014 in der Süddeutschen Zeitung, konstatieren nun, dass es sich bei solchen Bankmitarbeitern keinesfalls um Berater handeln könne, sondern nur um Verkäufer, die sich auch nicht mehr Bankberater nennen dürfen sollten.

Berater oder Verkäufer? Für Bankangestellte passender Titel?

Denkt man ein wenig nach, fragt man sich unweigerlich, wie Bankverkäufer genannt wurden, bevor sie zu Beratern wurden. Denn auch früher schon wurden z.B. Aktien mit entsprechenden Spesenrechnungen verkauft. Vor 50 Jahren hießen solche Mitarbeiter schlicht Bankbeamte, später Kundenbetreuer. Die Beraterwerdung kam dann stetig in den 90ern mit dem steigenden Beratungsanspruch (und Verkaufsdruck) der Banken.

Aber ist ein Begriff wie der Berater wirklich verbietenswürdig? Und ist der Titel des Beraters per so unvoreingenommen und neutral? Ich vermute, hier sitzen die Kritiker der Banken einem Irrglauben auf. Gehe ich zu einer kirchlichen Beratungsstelle, so ist es möglich, dass die Entscheidungen vom kirchlichen Hintergrund beeinflusst werden. Gehe ich zu einem Vermögensberater, so muss dieser auch nicht objektiv sein. Wo wäre so etwas festgeschrieben? Beratung ist nicht gesetzlich gleichbedeutend mit Neutralität.

Verkaufen ist allgegenwärtig. Soll man einen Arzt, der einen teuren Eingriff empfiehlt für ein Problem, das auch anders gelöst werden könnte, nun als Verkäufer bezeichnen? Dabei hat er sogar einen Doktortitel. Es wäre vielleicht der Situation angemessen, wird aber nicht passieren. Wäre also ein Kundenbetreuer in der Bank besser aufgehoben als ein Berater? Ich muss gestehen, ich sehe hier nur graduelle Unterschiede, und ehrlich gesagt möchte ich den Bankleuten auch keine Schilder mit „Verkäufer“ zumuten, die man nicht mal an den Angestellten bei Media Markt oder Aldi sieht. Auch wenn es ehrlich wäre.

So dreht sich das lustige Begriffskarussell wohl weiter. Der Küchenverkäufer ist auch zu einem Küchenberater geworden. Und letztlich gilt halt einfach: Jeder ist zu einem gewissen Maß für sich selbst verantwortlich, und es sollte sich jeder Gedanken über seine Umwelt machen. Dass Banken nicht von gratis Girokonten und vom Ausführen kostenloser Überweisungen leben können, das sollte auch dem letzten Bankkunden einleuchten.

 

Wie man einen Begriff ausschlachtet und Geld damit macht

Der Mittelstand – Ausbeutung und Abwertung eines Begriffs.

Haben Namen tatsächlich Macht? Können Namen etwas bewegen? Diese Fragen hört man als Namensexperte häufig. Hier ein Beispiel, wie fatal diese Macht sein kann. Wenige Begriffe in Deutschland sind so positiv besetzt wie „der Mittelstand“. Der Mittelstand in Deutschland steht für Familienunternehmen, die zwischen 100 (wie der oberbayerische Messspezialist Steinbichler, ein klassischer Hidden Champion) und durchaus 20.000 Mitarbeiter haben können (z.B. der Maschinenbauer Trumpf). Mittelständler gelten als solide finanziert und stehen auf der Skala der Vertrauenswürdigkeit den Finanzinvestoren (Stichwort „Heuschrecken“), diametral gegenüber. Klar definiert (vielleicht sogar gesetzlich) ist der Begriff aber nicht. Klar hingegen ist, dass sich mit dem Begriff gerade im Finanzsektor sehr gut werben lässt.

Die Idee

Im Jahr 2010 hatte die Börse Stuttgart die Idee, eine neue Geldquelle zu erschließen. Die Zinsen waren im Sinken und mit Anleihen ließ sich wenig Geld verdienen. Die Zahl der Privatanleger, die dem Autobauer VW zu 2,5% sicher, aber mager verzinst, Geld leihen wollten, wurde überschaubar. Also schuf man das neue Anleihensegment „Bondm“ Dass diese hochrentierlichen und hochriskanten Anleihen insbesondere für Privatanleger gedacht waren, darauf deutete bereits die typische Stückelung von 1.000 Euro hin (nicht 50.000 oder 100.000 Euro wie für institutionelle Anleger). Der Namenshintergrund „Handelssegment für Anleihen mittelständischer Unternehmen“ war attraktiv und wurde von der Öffentlichkeit schnell adaptiert als: Mittelstandsanleihen. Entsprechende Fonds beziehen sich auch auf diesen Begriff. Der Erfolg war groß, die Frankfurter Börse zog bald nach. Als Zeichen für die Dimensionen des Themas und des Gelderlöses kann die Google-Suche gelten. Wenn man bei Google „Mittelst“ eingibt, ergänzt die Vorschlagsfunktion schon an zweiter Stelle – nach dem puren Begriff – genau – Mittelstandsanleihen.
Emissionskandidaten für diese Anleihen gab es zuhauf in Deutschland. Wer aber mit Mittelstandsunternehmen wie dem Antennenspezialisten Kathrein oder dem Maschinenbaukonzern Voith gerechnet hatte, der sah sich getäuscht. Es kamen aussichtsreiche Kandidaten ans Licht, aber auch solche, die schlicht auf keinem anderen Wege mehr Geld beschaffen konnten. Mit dem eingenommenen Geld lösten sie z.B. einfach Altschulden ab. Lustigerweise waren darunter sogar Finanzinvestoren, die für die Benamung der Anleihen wohlklingende Markennamen ihrer Töchter verwendeten.

„Mittelstandsanleihen“

Die Privatanleger – nun ja, sie tappten in die Falle. Sie wunderten sich auch 2014 nicht, warum man für eine Brasilienanleihe 4% und bei VW 1,5% bekommt, aber hier, im Mittelstand, lässige 7,5%. Also Zinsen, die auf dem gewöhnlichen Markt überhaupt nicht zu erreichen waren. Hätte man da stutzig werden sollen? Ja, hätte man werden können und sollen. Der Segmentname „Mittelstandsanleihen“ hat sicher sein Scherflein dazu beigetragen, das Gesamtvolumen von mittlerweile weit über 5 Milliarden Euro bei der optimistischen Masse unterzubringen. Aber ein Teil der Firmen kann mittlerweile seine Anleihen wegen Problemen wie z.B. Insolvenz nicht mehr bedienen. Weder Zinsen noch die Anleihe selbst können zurückgezahlt werden. Und die Liste der Ausfälle wird länger und länger: Solar Millennium, Alpine Holding, WGF, SIAG Schaaf, Solarwatt, Getgoods, SiC Processing, Rena, Strenesse, Zamek. Der englische Begriff „Junk Bond“, also auf Deutsch „Ramschanleihe“ wäre passender gewesen. Oder die Neuschöpfung der „Sub-Junkbonds“. Übersetzen kann diesen Namen jeder still für sich.

Symboldarstellung einer Kursentwicklung bei Mittelstandsanleihen
© Namensentwicklung Werner Brandl

Geschick oder Etikettenschwindel?

Vermutlich beides. Es war natürlich eine astreine Ausbeutung des Begriffs „Mittelstand“ durch Irreführung und Täuschung – aber wer hätte dagegen angehen können? Der Mittelstand, der nicht mitmacht bei solchen Finanzierungsrunden? Selbst wenn die Ausfallquote in diesem Segment von derzeit 20 Prozent noch weiter steigt, den positiven Ursprungsbegriff selbst können hoffentlich die beteiligten Ratingagenturen, Börsen, Banken und Unternehmen, die hier wirken, langfristig nicht zugrunde richten. Wie gesagt, hoffentlich.

Der Begriff „Mittelstand“ hat leider Schaden genommen, der Ruf des Mittelstands ist durch die Mittelstandsanleihen ramponiert. Auf seinem Rücken sind Geschäfte gemacht worden, die originär nicht dazu passen. In Milliardendimensionen ist Geld verdient – und verloren worden. Einem soliden Mittelständler kann man sicher nicht dazu raten, sich in diesem Segment zu exponieren.

PS: Der Lackieranlagenbauer Dürr hat seine neue Anleihe nicht mehr in diesem Segment platziert, sondern ganz konventionell bei den Unternehmensanleihen an der Börse. Gratulation! Und die Semper idem Underberg, die Ihre Marke „Underberg“ für die Platzierung im Mittelstandssegment genutzt hatte, verlegt sich gleich auf eine Privatplatzierung. Ach ja, und eine neue Pleite gibt es auch: Mox Telecom, mal ein etwas überraschenderer Kandidat. Hier mehr dazu. Das ist natürlich nicht der aktuelle Stand, denn fast täglich kommen neue Unternehmen dazu.

 

Zugname zum Staunen: www.pneumokokkenab50.at

Treue Leser erinnern sich vielleicht. Österreichische Zugnamen waren schon einmal ein Thema hier im Blog. Nun ein famoses Update mit einem sensationellen Zugnamen, der wirklich zu Denken gibt:

Kurioser Zugname aus Österreich: pneumokokkenab50.at

So wird der Zugname in Österreich wirklich am Bahnhof durchgesagt. Als Deutscher wird man da ganz demütig und nörgelt nicht mehr, weil die ICEs nun nach Städten und nicht mehr z.B. nach Heinrich Mercator benannt sind. Hier noch ein paar Vorschläge in der Projektpipeline, die ein Mäuschen uns zugespielt hat (bei denen macht das den Kindern Erklären sogar noch mehr Laune!):

www.chlamydienab14.at

www.lymphomab40.at

www.virusimhals.at

www.grosse-beschwerden.at

und, natürlich,

www.demenzab18.at

Wer selber einen Zugnamen kaufen möchte, der ist beim Verkehrsverlag in Klagenfurt richtig. Wer aber selbst ein neues Eisenbahnunternehmen gründen möchte, der sollte bei mir vorbeischauen.

 

Verrückter neuer Name für rauen Hals: Streptokokken

Neulich erzählte eine Freundin, ihre Kinder seien krank gewesen. Was sie denn gehabt hätten? Na, Streptokokken. Sie benannte tatsächlich nicht die Krankheit des Kindes, der bedrohliche Erreger schien die bessere Wahl. Da fühlt man sich in einem tiefen, dunklen Tal.* Warum und was ist hier passiert?

Fangen wir mal ganz einfach und von vorne an:

  • Was sind Streptokokken? Eine Familie von Bakterien, also ganz kleine Tierchen.
  • Was machen die so? Manchmal tun sie Krankheiten auslösen, und zwar die verschiedensten, z.B. Halsentzündung, Mandelentzündung, aber auch Hirnhautentzündung oder Karies.
  • Wo kommen die vor? Überall, dauernd. Mit quasi 100%iger Wahrscheinlichkeit haben auch SIE genau in diesem Moment welche an oder in Ihrem Körper. Deshalb gleich die nächste Frage:
  • Sind die gefährlich? Ja und nein. Meistens nicht, aber manchmal schon, wenn sie überhandnehmen und einen (sehr) krank machen. Und manche sind harmlos, andere sehr gefährlich.

Früher hatte man dann eben eine Krankheit, z.B. eine heftige Halsentzündung. Heute hat man den Erreger** (der aufgrund seiner Vielzahl von Unterarten und Unterstämmen eben noch eine Vielzahl anderer Krankheiten draufhat) – die Streptokokken halt (wobei ich vermute, dass Menschen mit Hirnhautentzündung eher dazu tendieren zu sagen, sie hätten Hirnhautentzündung, als Streptokokken – denn sonst wären sie ja wieder auf einer Ebene mit den Rauhälsen). Nachdem wir nun stark ahnen, dass das Blödsinn ist und kaum hilfreich, stellt sich zwingend die Frage: Wem hilft diese vermeintliche Präzision?

Nun, zunächst vermutlich mal dem Arzt, denn der (und natürlich auch der Kunde, also der Patient) hat ein klares Feindbild. Der Arzt kann seine Standardantibiotika verschreiben, und Augenmaß ist nicht mehr vonnöten, nachdem der Feind auch bei einer nicht lebensbedrohenden Erkältung so klar bezeichnet ist. Wer auch noch was davon hat, sind natürlich diejenigen Patienten, die nicht normale Krankheiten haben wollen, sondern etwas Klingendes, etwas Beeindruckendes, aber auch etwas Bedrohliches und Fremdliches, z.B. so etwas wie – genau – Streptokokken.

So bleibt zu konstatieren, dass auf diese Weise natürlich weder die Therapien besser werden noch die Patienten schneller gesund oder besser behandelt werden, da de facto ungenauer gearbeitet wird als bei den so simpel bezeichneten traditionellen Krankheitsbildern. Aber darum geht es wohl auch nicht. Sondern es geht: um die Macht der Namen.

* Analog könnte man einen Freund nach einer durchzechten Nacht fragen, was er getrunken habe und er eröffnet: Getränke. Oder jemand antwortet auf die Frage, was es zum Essen gegeben habe, verschiedene Nahrungsmittel.

** Bei solchen Krankheitsbildern steckt meist Streptococcus pyogenes dahinter, wenn man schon präzise sein will.

Hier noch ein Portrait einer Streptokokke, einfach damit Sie sich alles noch besser vorstellen können:

Zeichnung einer Streptokokke - neues Synomym für Krankheiten

Mia san hier – Bairisch ist uns fremd – Nachtrag

Sensation: Bild gefunden! Der Nachtrag mit dem zweiten Bild zum Thema „Gruselbairisch“.

Es ist uns doch noch ein car2go Plakat von Daimler in München vor die Linse gekommen mit dem lustigen Slogan „Mia san hier“. Wie im letzten Post schon gesagt – ein Musterbeispiel für Bastardbairisch.

Das Plakat von car2go hat noch einen besonderen sprachlichen Bonuskick. Der Gestalter hat noch ein (eigenartig klein eingefügtes) „Servus München“ ins Plakat gemogelt. Na, was bedeutet das wohl? Genau, hier ist jemand gekommen, und jetzt verabschiedet er sich auch schon wieder. Zumindest ist das eine der beiden legitimen Interpretationen, und sicher die lustigere. Darauf ein herzhaftes oans, zwoa, gesuffa 😉

Und hier natürlich das Fotodokument zum Mobilitätsdienstleister:

Slogan „mia san hier“ von car2go in München
Ansicht auf der Litfaßsäule: „mia san hier“, © Werner Brandl

Mia san hier – und Bairisch ist uns fremd

Hätte der FC Bayern doch geahnt, was uns da noch alles angetan wird, weil sie das „Mia san mia“ so in die Welt hinausgetragen haben. Ein Freund machte mich auf eine besonders kuriose Vermischung aus Hochdeutsch und Bairisch aufmerksam.

Wie viele ja wissen, tobt mittlerweile ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb unter den althergebrachten Carsharinganbietern und den neuen meist herstellerabgesandten. Nun ist auch Daimler mit seinem car2go in München angekommen und annonciert dies unter dem lustigen Slogan „Mia san hier“. Was natürlich ein Musterbeispiel für Bastardbairisch ist, denn „hier“ – wo gibt es denn so etwas. Im Bairischen nicht, denn da heißt das „da“, oder für Lautschreiber eher „do“.

Was die Sache aber besonders lustig macht – zur gleichen Zeit wie Daimler plakatiert auch der DFB in München und bewirbt ein Damen-Fußballspiel. Der Spruch dafür – man ahnt es bereits – so schmerzhaft es ist: „Mia san hier“.

Hier noch ein Fotodokument, wie das im echten Leben ausschaut, leider nur vom Fußballplakat, die Carsharingplakate sind leider nicht mehr auffindbar. Entweder die Startphase ist vorbei, oder die Duplikation wurde bemerkt.

Hochdeutsch - Bairisch Slogan „Mia San Hier“ des DFB
Slogan „Mia San Hier“ des DFB, © Werner Brandl

PS: Die Kenner werden es wissen, die Aufmerksamen erkennen, Daimler ist natürlich beim DFB als Sponsor dabei. Also eventuell doch ein Fall von Synergie?

PPS: Weitere Ausflüge ins Bairische – diesmal ohne Werbung: kulinarische Begriffe, bairische Schimpfworte und der Disney-Film mit schlimmem Bairisch.

 

Beweis gefunden: Namen wirken und machen den Unterschied I

Was haben wir nicht alles der Forschung zu verdanken – nun sogar den Beweis, dass Namen einen Unterschied machen. Es war ja weitflächig in der Presse, dass Kinder laut einer amerikanischen Studie Gemüse bzw. Rohkost lieber essen als das traditionell generisch benannte, dass also z.B. „Power Punch Broccoli“ besser ankommt als „Broccoli“. Schön.

Ohne Studiendesign und Methodik genauer zu kennen und insbesondere ohne Wissen über die Langzeitwirkung möchte ich deshalb das Augenmerk auf einen ganz anderen Aspekt legen: Die Anregung für die Studie scheint eins zu eins aus den erfolgreichen Charlie & Lola Filmen bzw. Büchern übernommen worden zu sein, wo Charlie seiner Schwester diverse Lebensmittel mithilfe sehr netter neuer Namen schmackhaft macht.

So nennt Charlie die Fischstäbchen eben nicht mehr „fish fingers“, sondern „ocean nibbles from under the sea“, die Gelberüben heißen nicht mehr „carrots“, sondern, „orange twiglets from Jupiter“, Erbsen sind nicht „peas“, sondern „green drops from greenland“. Hier können Sie sich selbst ein Bild machen (ist übrigens lustig!):

– Nachtrag Dezember 2012: An dieser Stelle war der Videokasten. Das Video wurde leider aus Youtube entfernt und war so nicht mehr zugänglich.

Mal ganz ehrlich: Wen überrascht es, dass attraktive, spannende, ungewöhnliche, ungewohnte Namen für völlig bekannte und vertraute Dinge Neugierde wecken und auch das Verhalten beeinflussen? Bitter wäre es andersherum.

 

Das böse Wort – Grund für Lebensmittelverschwendung enttarnt

Wenn man die öffentliche Diskussion um verschwendete Lebensmittel, die „Mülltaucher“, die Unmengen entsorgter (also weggeschmissener und verrotteter) Lebensmittel verfolgt, könnte man meinen, der Begriff des Mindesthaltbarkeitsdatums wäre das Problem. Weil der so negativ ist. Und weil alle glauben, danach wäre das Lebensmittel nicht mehr genießbar. In Wirklichkeit aber würde es mit Ablauf des MHD wohl erst so richtig lecker. Wer schon mal Chips nach dem MHD probiert hat, der weiß, wovon die Rede ist.

MHD Mindesthaltbarkeitsdatum - Name / Bezeichnung
MHD Mindesthaltbarkeitsdatum. Name und Wirkung.

Die heilbringende Lösung kommt aus England, wo ja auch das gute Essen herkommt, oder zumindest der Messias der Schulküchen: „Zu genießen bis zum …“, „Schmeckt gaaaanz gut bis zum …“ oder „Am besten vor dem xxxx essen“. Wunderbar, was für tolle Lösungen. Was soll daran denn besser sein? Sie etablieren genauso die Zweiteilung des Zeitraums in „guten Zeitraum“ und „bösen Zeitraum“. Das ändert an der Sache überhaupt nix. Es erinnert an die Umbenennung der Bundesschuldenverwaltung in Finanzagentur des Bundes. Hat die Schulden nicht signifikant reduziert. Ebenso wie die Einführung von „Die Mannschaft“ keine Verbesserung der Fußballspieler gebracht hat. Umbenennung ohne inhaltliche Substanz funktioniert nicht.

MHD Mindesthaltbarkeitsdatum als Zeichen für Qualität
MHD Mindesthaltbarkeitsdatum als Zeichen für Qualität

Man könnte natürlich einen Schritt weiter gehen: Garantiezeit wäre eine Idee, aber mit Garantien wird man wohl nicht auf viel Gegenliebe bei den Lebensmittelherstellern stoßen. Oder man gibt einfach das Produktionsdatum und einen empfohlenen Zeitraum für den Verzehr an. Ändert am Grundprinzip wieder nichts, und wenn die Leute sehen, wie alt die Lebensmittel schon sind, wird das ihre Kauflust sicher nicht stimulieren, sondern eher abschrecken. Es ist doch viel schöner zu sehen, dass eine Wurst noch zwei Monate haltbar ist, als dass sie schon vor sechs Monaten produziert wurde und noch zwei Monate haltbar ist.

Und wenn man sich überlegt, wofür das MHD eingeführt wurde, dann war ein Grund wahrscheinlich exakt der, den es jetzt erfüllt: für einen gewissen Frischegrad und eine gewisse Unbedenklichkeit des Verzehrs von abgepackten Lebensmitteln sorgen. Die Ursachen für die Unmengen weggeworfener Lebensmittel liegen sicher weniger im MHD begründet als vielmehr in Convenience, Immerverfügbarkeit, überbordender Auswahl, Sortimentsbreite, niedrigen Lebensmittelpreisen und was weiß ich noch alles. Und das arme Wort soll jetzt schuld sein.

Vielleicht sollte man den Leuten einfach besser erklären, was das MHD bedeutet. Denn ein Missverstehen des Sachverhalts wird durch Umbenennen nicht ausgemerzt, es ist nur eine Umetikettierung. Eigentlich sollten die Hersteller und der Handel daran auch ein Interesse haben. Vielleicht ziehen ja mal alle an einem Strang? Dass Nachhaltigkeit, Brachialisolierung von Gebäuden und die GEZ gut sind, wurde ja schließlich auch allen beigebracht …

 

PS: Eine andere, recht deutsche Lösung wäre natürlich, einfach „best before“ zu verwenden. Ein super englischer Ausdruck, alle stellen sich was Schönes vor, und ein Teil versteht gar nix, perfekt.

PPS: Unter welchem Label wurden eigentlich in der EU traditionell die Lebensmittel vernichtet, wenn aufgrund der Planwirtschaft mal wieder zu viele produziert wurden?